Vesuv (Neapel)

Frank Rösner – ZUM NACHREISEN Samstag, 25. September 2021 von Frank Rösner – ZUM NACHREISEN

Abseits der Touristenwege auf den Vulkan

Eigentlich ist der Vesuv ein Berg. Ich ordne diese Tour dennoch als Wanderung ein. Eine Bergtour in den Alpen ist doch ein anderes Kaliber. Und ich nehme es vorweg: Es war ein totales Chaos. Der Plan war, eine Wanderung durch den Nationalpark auf den Vesuv zu unternehmen. Hierfür hatte ich mir im Vorfeld eine Genehmigung von der Gendarmerie per E-Mail besorgt, weil der Rother Wanderführer darauf hinwies. Wie sich dann herausstellte, war der Wanderweg nach einer halben Stunde wegen vorangegangener Waldbrände gesperrt und außerdem wäre die Genehmigung gar nicht erforderlich gewesen. Ich hätte mich nur in eine Liste beim Parkwächter am Parkeingang gegenüber des Restaurants Kona an der Zufahrt zum Vesuv eintragen müssen.

Also Planänderung: Verzicht auf die Wanderung von unten. Stattdessen zweieinhalbstündige Kraterumrundung auf dem Vesuv. Nächstes Problem: Der Parkplatz konnte nur online gebucht werden, es gab aber keinen Netzempfang. Also wieder 3 km die Straße runter, Parkplatz für 6 Euro online buchen und wieder hochfahren. Immerhin kostete das Shuttle-Taxi zum Parkeingang unterhalb des Kraters nur 2 Euro.

Aber es war alles umsonst. Denn leider hätte man vorher im Internet die Tickets für den Nationalparkzugang zum Vesuv-Krater kaufen müssen. Die waren inzwischen jedoch für diesen Tag ausverkauft und können sowieso nicht mehr am Parkeingang am „Piazzale Quota 1000“ gelöst werden, wie es der Rother Wanderführer in der 7. Auflage von 2020 schrieb. Vermutlich wurde das Online-Ticketsystem im Zuge der Corona-Pandemie eingeführt.

Jetzt war ich richtig sauer, denn ein halber Urlaubstag war für die Odyssee bereits draufgegangen. Die vielen Busse mit Turnschuh-Touristen, allerdings mit Tickets für den Zugang zum Vesuv-Krater, verschlechterten meine Stimmung zusehends. Wir waren die Einzigen, die mit Wanderschuhen, Stöcken und Rucksack vernünftig ausgerüstet waren, allerdings nicht die Einzigen ohne Tickets. Einige Kinder machten sehr traurige Gesichter und taten mir leid.

Aber jetzt war mein Ehrgeiz geweckt: Irgendwie musste man doch auf den Vesuv kommen, um einen Blick in den Krater zu werfen. Die Komoot-App, die ich auch sonst für Wanderungen verwende, sollte helfen. Und tatsächlich, mir wurde ein Weg angezeigt, der von der Nordseite des Vesuv zum Kraterrand führt. Wir gingen die Zufahrtsstraße vom „Piazzale Quota 1000“ für etwa 400 Meter nach unten und dann nach rechts auf einen Weg aus schwarzem Lavakies (unbesetzte Ticket-Kasse auf circa 970 m und Endpunkt der Kraterumrundung lt. Rother Wanderführer, wie ich erst später realisierte). Der Weg war offiziell nicht zulässig, aber ich hatte ja eine Wandergenehmigung für den Nationalpark. Außerdem war mir das in diesem Moment sowieso egal. No risk, no fun. Auf halber Strecke musste bei einer unbesetzten „Zugangshütte“ (Piazzale Ottaviano, 1050 m, lt. Rother Wanderführer) eine Absperrung umgangen werden, dann führte ein schmaler Weg, wieder aus schwarzer Lava, nach oben. Doch was für ein Schock: 10 Meter bevor wir einen Blick in den Krater des Vesuv werfen konnten, stoppte uns ein Souvenirkiosk (Vesuvio Capannuccia lt. Rother Wanderführer). Der Kioskbetreiber hatte offenbar die Aufgabe, die Tickets zu kontrollieren, die wir nicht vorweisen konnten. Er ließ sich jedoch erweichen, dass wir einen kurzen Blick von der niedrigeren Südseite in den Krater werfen konnten. Dafür habe ich ein Armkettchen gekauft. Es war zwar ein kurzes Vergnügen, aber immerhin. Denn der Kioskbetreiber hatte zweifellos Angst, seine Lizenz zu riskieren, wenn er Leute ohne Ticket durchlässt.

Von der höheren Westseite des Kraters wäre die Aussicht in die Tiefe wohl etwas attraktiver gewesen. Nichtsdestotrotz hatten wir eine schöne, ruhige und auch spannende Wanderung an den Kraterrand, ein Erlebnis, das die Heerscharen von Bustouristen nicht hatten (Wie ich erst später realisiert habe, handelte es sich bei diesem Wanderweg um etwa zwei Drittel der Kraterumrundung lt. Rother Wanderführer. Uns fehlte also nur das touristische Drittel am westlichen Kraterrand mit Blicken in den Krater von den höheren Aussichtspunkten.) Aber Lava sieht man ohnehin nicht. Der Krater besteht nur aus Geröll.

Ich habe danach zwei Tage lang überlegt, ob ich ein Ticket für den Besuch des Kraters in den nächsten Tagen online buchen sollte, um auch das Drittel mit der vermeintlich besseren Aussicht zu erleben, entschied mich aber dagegen. Diesen Touristen-Nepp wollte ich mir dann doch nicht mehr antun und schon gar keinen Urlaubstag dafür opfern. Der Vesuv sieht mich erst wieder, wenn er zu meinen Lebzeiten wieder ausbrechen sollte. Der letzte Ausbruch war im Jahr 1944. Und ich gebe zu: Ich bin auf die Organisatoren am Vesuv richtig sauer. So kann man nicht mit ausländischen Gästen umgehen. In Amerika würde man sich nie so verhalten. Dort sind immer alle ganz nett. Sogar in der vermeintlichen Servicewüste Deutschland geht man freundlicher mit seinen Gästen um als am Vesuv.

Abschließend noch ein paar Worte zur neapolitanischen Umgang mit der Umwelt: Auf den Vesuv führt eine kurvenreiche, enge Straße über viele Kilometer. Zahlreiche Individualfahrzeuge und sogar Reisebusse drängeln sich auf dem Weg zum Krater. Und sowas nennt sich dann Nationalpark! Man stelle sich vor, hunderte Fahrzeuge und Busse würden täglich die Forststraße von Garmisch-Partenkirchen hinauf zum Kreuzeck oder gar auf den Osterfelder Kopf befahren. Aber so ist es am Vesuv, nur dass die Straße dort geteert ist! Die Höhenmeter sind ähnlich. Warum der Bau einer Seilbahn durch Bürgerinitiativen gestoppt wurde, so der Rother Wanderführer, ist mir ein Rätsel. Es ist ein Witz, mit dem Auto auf den Gipfel zu fahren.

Umweltschutz scheint in Italien überhaupt noch eine zu geringe Rolle zu spielen. Das zeigt sich besonders an folgendem Umstand: Auf dem Weg zum Vesuv fährt man wie durch eine Müllhalde. Wir hatten uns etwas verfahren und landeten außerdem in Nebenstraßen, die beidseitig durchgehend von aufgerissenen Müllsäcken gesäumt waren. Der Müll verteilte sich am Straßenrand. Das ist die neapolitanische Art der Müllbeseitigung. Irgendwann landet der Dreck dann wohl im Meer, hier der Golf von Neapel. Wenn man sich vorstellt, welchen Aufwand wir in Deutschland betreiben, um Müll zu trennen, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Auch das Vorpreschen des kleinen Deutschlands bei der Energiewende, das wir mit den höchsten Energiepreisen in Europa büßen müssen, erscheint so in einem anderen Licht. Meines Erachtens sollte Italien keine EU-Gelder mehr erhalten, bis das Land seinen Müll ordentlich entsorgt. Wir zahlen uns dumm und dappig an Steuern, aber Italien macht was es will und bekommt dafür auch noch Teile unserer Steuergelder über die EU. Das macht mich wirklich wütend.

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